
November 2011
Längst ist das Thema Hygiene in das öffentliche Bewusstsein gerückt. „Hygieneskandale“ tauchen in den Schlagzeilen auf, Infektionsausbrüche wie EHEC beschäftigen Fachwelt und Medien. Infolge des breiten Einsatzes von Antibiotika entwickeln sich immer mehr Bakterienstämme, die gegen die meisten bekannten Antibiotika nicht mehr empfindlich sind. Deshalb stehen immer weniger wirksame Medikamente zur Behandlung von Infektionen zur Verfügung. Die Entstehung resistenter Bakterien wird begünstigt durch eine unkritische Anwendung von Antibiotika. Hygienemängel führen zur Verbreitung dieser Keime und zum vermehrten Auftreten von nosokomialen Infektionen. Diese Problematik rief jetzt auch den Gesetzgeber auf den Plan. Im Juli 2011 wurde die Novelle des Infektionsschutzgesetzes vom Bundesrat verabschiedet, in dem die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts als oberster Hygiene-Instanz in Deutschland quasi Gesetzeskraft erhielten.

„Zwischen Hygiene-Richtlinien und der Realität im Alltag von Krankenhäusern, Arztpraxen und Altenheimen besteht häufig eine große Diskrepanz, wie aktuelle Studien aus der Versorgungsforschung in Deutschland zeigen. Wir setzen uns dafür ein, dass alles für die Sicherheit unserer Patienten getan wird und veranstalten deshalb auch den Hygienetag“, erklärte Dr. Klaus-Peter Wresch, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin und als Ärztlicher Direktor für die Hygiene im St.-Vincentius-Krankenhaus verantwortlich. Auch Monika Lenz, Pflegedirektorin, wies auf die aktuelle Problematik im Gesundheitswesen hin: „In Zeiten von Personalmangel und knappen Ressourcen taucht die Frage nach der Umsetzbarkeit von Hygiene immer häufiger auf.“

Der „Speyerer Hygienetag“ will hier Antworten geben. Im Workshop „Hygienefalle Alltag“ trainierten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen alltagstaugliches Hygieneverhalten an den konkreten Beispielen Blutentnahme und Verbandwechsel. „Händedesinfektion ist die wichtigste Hygienemaßnahme im Kampf gegen Krankenhauskeime.“ Roger Munding, Hygienefachkraft des St.-Vincentius-Krankenhauses, kennt die Tücken und Fallstricke aus seiner täglichen Arbeit. Unter seiner fachkundigen Anleitung erkannten die Teilnehmer mit Hilfe spezieller Farblösungen und UV-Licht jeden Fehlgriff selbst. Die korrekte Händedesinfektion wird so selbstverständlicher Bestandteil der täglichen Handlungsabläufe.

„Hygiene ist für uns keine lästige Verpflichtung, sondern Ausdruck des Respekts vor unseren Patienten und eine packende Herausforderung“, betonte Dr. Cornelia Leszinski, Hygienebeauftragte Ärztin im St.-Vincentius-Krankenhaus.

Über komplexe Hygienefallen im Alltag berichteten im anschließenden Symposium kompetente Referenten aus führenden Hygiene-Instituten. Seit Jahrhunderten beunruhigen Epidemien immer wieder die Menschen in Europa. Am Beispiel von EHEC erläuterte Prof. Volker Mersch-Sundermann, Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Freiburg, modernes Management einer über die Ländergrenzen hinaus verbreiteten Lebensmittelinfektion, ausgelöst von kontaminiertem Bockshornkleesamen, die bis dahin kaum einer kannte. Er betonte auch am Beispiel anderer Lebensmittelinfektionen den hohen Stellenwert von einfachen persönlichen Hygiene-Maßnahmen wie Händewaschen und sorgfältiger Reinigung von Küchengeräten.

2010 gab ein Legionellen-Ausbruch in Ulm Rätsel auf. Dr. Doris Reick vom Landesgesundheitsamt in Stuttgart berichtete über die kriminologische Feinarbeit, die die Hygienefachleute auf die Spur der Bakterien in der Luft brachte und wies immer wieder auf die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten hin, die schließlich zum Erfolg führte.

Mit der Entdeckung des Penicillins 1928 und der Entwicklung immer neuer Antibiotika feierten Ärzte und Patienten im letzten Jahrhundert schon den Sieg über die Bakterien. Von der Ausrottung von Infektionskrankheiten war gar die Rede. Doch der Euphorie folgte Ernüchterung. Vor 50 Jahren trat der erste multiresistente Erreger auf, der gegen die gängigen Antibiotika nicht mehr empfindlich war. Unter dem Namen „MRSA“ trat er bald einen Siegeszug um die Welt an. Die Ärzte mussten erkennen, dass der Entwicklung immer neuer Antibiotika Grenzen gesetzt waren. In diesem Wettstreit mit dem Erreger zeigten holländische Hygieniker einen neuen Weg auf. MRSA siedelt sich mit Vorliebe unbemerkt in der Nase an, ohne den Träger dabei krank zu machen. Prof. Constanze Wendt, Mitglied der Kommission für Krankenhaushygiene des Robert-Koch-Instituts (KRINKO), stellte in ihrem Vortrag dar, dass systematische bakteriologische Screening-Untersuchungen Infektionen mit MRSA verhindern können. Konsequente Händehygiene und die Isolierung der MRSA-Träger verhindern eine weitere Ausbreitung vor allem in Krankenhäusern. Sie zeigte aber auch, dass eine gezielte Sanierungsbehandlung von Betroffenen vor allem bei alten Menschen oder Patienten mit chronischen Wunden oft an ihre Grenzen stößt.

Auch die gramnegativen Bakterien haben den Wettlauf mit den Antibiotika aufgenommen. Dr. Martin Holfelder aus Heidelberg referierte über neue mikrobiologische Strategien gegen sogenannte ESBL-bildende Keime. Auf Dauer kann aber nur eine Einschränkung der kritiklosen Verwendung von Antibiotika aus diesem Dilemma helfen. Der Gesetzgeber hat eine Verpflichtung hierzu in das neue Infektionsschutzgesetz aufgenommen. Eine „Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie“ (DART) wurde vom Bundesgesundheitsministerium ins Leben gerufen.

Dr. Klaus-Peter Wresch stellte in seinem Vortrag den Zusammenhang zwischen Antibiotikatherapie und der Entstehung von resistenten Bakterienstämmen dar und erläuterte, wie kritisches Überdenken und Überwachung des Einsatzes von Antibiotika im St.-Vincentius-Krankenhaus bereits Erfolge zeigte.

„In Zusammenhang mit Hygienemängeln tauchen unter den neuen gesetzlichen Voraussetzungen auch immer mehr Haftungsfragen auf“, berichtete Dr. Sebastian Kevekordes vom Gesundheitsamt Rhein-Pfalz-Kreis. Er referierte in seinem Vortrag über die rechtlichen Grundlagen der Hygiene und wies an konkreten Beispielen auf die Fallstricke im Alltag hin. „Die Gesundheitsämter stehen den Krankenhäusern und Arztpraxen auch in diesen Fragen als Partner mit Rat und Tat zur Seite.“

Der „Speyerer Hygienetag“ will in diesem Sinne auch ein Forum für fachlichen Austausch und neue Kontakte sein. Wir freuen uns sehr, dass es uns auch in diesem Jahr wieder gelungen ist, ganz unterschiedliche Facetten des spannenden Themas Hygiene aufzuzeigen und bedanken uns bei allen Teilnehmern für anregende Beiträge und lebhafte Diskussionen.
Wir freuen uns auf den nächsten Speyerer Hygienetag am 21. November 2012 und hoffen wieder auf reges Interesse.